04 Mar 2013
Interview mit Pater Gleb über Pussy Riot und ihre Bedeutung für die orthodoxe Kirche (von Ilia Ryvkin)

Für mich ist Gleb Jakunin das verkörperte Gewissen der russischen Kirche. Der Mitbegründer der christlichen Dissidentenbewegung in der Sowjetunion dient seit 1962 als Priester. Im Jahre 1965 schrieb Pater Gleb einen offenen Brief, in dem den Kirchenobrigkeiten vorgeworfen wurde, die eigene Kirche verraten zu haben und mit den Staatsmächten bei der Verfolgung der Kirche zusammenzuarbeiten. 1976 gründete er das Christliche Komitee zum Schutz der Gläubigen in der UdSSR und machte die Unterdrückung der religiösen Freiheit in der Sowjetunion publik. Dafür verbracht er mehrere Jahren in Knästen und Verbannung in Nordsibirien. Nach der Wende veröffentlichte Pater Gleb Archivmaterialien, die eine Zusammenarbeit der Führung des Moskauer Patriarchats mit dem KGB belegten, was zu seiner Exkommunikation aus dem Moskauer Patriarchat führte. Das hat aber weder seinen Glauben noch seinen Dienst an Gott und den Menschen behindert. Heute beantwortet Pater Gleb unsere Fragen zur der Nominierung der Punkband „Pussy Riot“ zum Preis „Unerschrockenes Wort“.

 

I.R.:        Pater Gleb, wie Sie wohl wissen, hat die Stadt Wittenberg entschieden, der Band Pussy Riot zum Lutherpreis „Unerschrockenes Wort“ nominieren. Sind die jungen Frauen dieses Preises würdig?



Gleb Jakunin:    Man kann Luther auf verschiedene Weise aufnehmen, eins steht aber fest, er war ein großer Reformator, ein ehrlicher und mutiger Mensch. Luther stellte der westlichen Kirche wichtige Fragen und sie musste sich erneuern. Bezüglich der russisch-orthodoxen Kirche, die eine tiefe Krise durchleidet, nehme ich eine Randposition ein. Für die meisten russisch-orthodoxen Gläubigen sind die Frauen Rowdys. Pro forma sind sie Rowdys, sie sind aber religiöse Rowdys, Rowdys in Christo.  Pussy Riot belebten das, was vom Zaren Peter dem Ersten vernichtet worden war, die altrussische Institution des heiligen Narrentums. Unter den altrussischen Heiligen spielten die heiligen Narren eine herausragende Rolle, die auf eine unkonventionelle Art Staats- und Kirchenobrigkeiten angeprangert haben. Ihre entlarvenden Taten waren oft extravagant, unangepasst an die Vorstellungen der Allgemeinheit über Anstand und „guten Geschmack“, wurden aber trotzdem später von der Kirche als heilig rezipiert. In Bezug auf das russische Christentum sehen wir, dass Pussy Riot so eine große Sache gemacht haben, die ohne Hilfe der Gottesmutter, ohne Hilfe Gottes nicht zu verrichten gewesen wäre. Die Folgen ihrer Tat liefern den Beweis, dass die rechte Hand Gottes mit ihnen in ihrem Wirken war. Auch wenn sie in diesem Jahr nicht den Preis bekommen, sie bekommen ihn im nächsten Jahr oder später, weil sie im Geiste der Freiheit und des Glaubens gehandelt haben. Sie haben gewissenhaft gehandelt.



I.R.:        Die Nominierung für diesen Preis war im deutschen Klerus auf Widerstand gestoßen. Der Wittenberger Priester Schorlemmer hat sich diesbezüglich folgendermaßen geäußert: „Die Art ist nicht preiswürdig, und der Ort der Kritik ist geschmacklos, er ist verletzend und kontraproduktiv...Chaotische Weiber, die vermummt in eine Kirche eindringen, sich diskriminierend und beleidigend äußern“ usw. Was halten Sie von diesen Aussagen?



Gleb Jakunin:    Dass ein evangelischer Priester sich auf dieser Weise beanstandet ist höchstens seltsam! Bei Katholiken und Protestanten, die ihre Gottesdienste im Gegensatz zur Russisch-orthodoxen Kirche in den Nationalsprachen feiern, ist es erlaubt, z. B. in Afrika, während des Gottesdienstes auch tanzen. Es ist ein Unverständnis der Umstände. Die jungen Frauen beleben auf eine moderne Weise den geistigen Protest, der in der russischen Kirche gang und gäbe war, das heilige Narrentum. Pussy Riot ist ein Meteorit, der zu uns, nach Russland, hereingestürmt ist wie der Tunguska-Asteroid im Jahre 1908. Sie haben irreversible Prozesse angestoßen. Die Kirche setzt leider eine Entwicklung fort, deren Richtung in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts eingeschlagen wurde. Damals haben alle Bischöfe einen Begrüßungsbrief zum siebzigjährigen Jubiläum „des Führers aller Völker und Zeiten“ Stalins unterzeichnet. Stalin war ein ungeheuerlicher Verbrecher. Zu keiner Zeit in der russischen Kirchengeschichte gab es so viele Opfer wie zur Stalinzeit. Und diesen ungeheuerlichen Verbrecher lobpreist die Kirchenführung! Und jetzt, zum entscheidenden Moment unserer Geschichte haben Wahlen mit ungeheuerlichen Fälschungen stattgefunden. Und der Patriarch segnete Putin, hat aufgerufen, für ihn zu stimmen! Er hat die Fälschungen nicht verurteilt! Wurde er denn etwa bedroht? Ich glaube, nichts würde ihm passieren, wenn er die Fälschungen auch verurteilen würde. Kaum jemand versteht, was passiert ist, seitdem die heilige Reliquie der Ostkirche, der Gürtel der Jungfrau Maria, vom Berg Athos nach Russland gebracht wurde. Ich glaube, aus religiöser Sicht, hat die Gottesmutter gewirkt. Die Mächtigen wollten diesen Gürtel für seine Propagandazwecke missbrauchen. Wer für Putin abgestimmt hat, der darf das wohl tun, es geht aber um die Wahlfälschungen. Die Lüge hat triumphiert! Für den Gürtel der Jungfrau Maria wurde geworben, als ob er Frauen gebären hilft, Frauenkrankheiten heilt, und Frauen, die nicht gebären konnten, haben lange Schlangen gebildet, um die Reliquie zu berühren. In der Tat aber hat der Gürtel das Land gegürtet, und Mutter Russland hat den Geist der Freiheit geboren! Das, was passiert ist, was die Pussies getan haben, kommt aus der wahren inneren Freiheit! Die wahnsinnigen Obrigkeiten versuchen die Frauen strafrechtlich zu verfolgen. Die Bewegung kann man nicht mehr hemmen, weil die zeitgenössische Jugend von der Liebe zur Wahrheit, zur Freiheit getrieben wird. Es ist nicht mehr zu hemmen! Es ist ein Wunder, für den wir uns bei der Muttergottes bedanken.

Gestern habe ich bei der Sitzung der ältesten Menschenrechtsgruppe „Moskauer Helsinki Gruppe“ teilgenommen. Wir haben diskutiert: Maria ist in einem Straflager gefangen, Nadeschda in einem anderen. Sollten wir uns an Putin wenden, damit er sie begnadigt? Ich habe gesagt: Jungs, da geht’s um was anderes! Wir müssen uns an Pussies wenden, damit sie Putin begnadigen, bei ihm fällt alles auseinander! Hier haben wir einen Skandal mit dem Rücktritt des Verteidigungsministers, da sind kolossale Diebstähle in der Rüstungsindustrie, bei der Raumfahrtbehörde, andere Skandale, alles ist verrottet! Man muss die Frauen bitten, dass sie aus christlichen Beweggründen ihm verzeihen würden! Sie haben eine riesige Bresche geschlagen und der Geist der Freiheit ist in unsere Gesellschaft, in unsere Politik, in die russische Kirche eingebrochen!



I.R.:        In ihrem Lied gibt’s eine Zeile: "Der KGB-Chef, ihr oberster Heiliger...“. Sie könnten Anfang Neunziger ein Teil der KGB-Archiven publik machen. Es ging über die Kollaboration der oberen Kirchenhierarchie mit dem Sicherheitsdienst.



Gleb Jakunin:    Bei der ersten Gelegenheit in den KGB-Archiven zu forschen, bin ich aufgefahren, wie ein Jäger, der Wild sieht. Ich habe die Archive des KGB vom Jahre 18 bis zu 88 durchgeforscht. Die Wahrheit hat mich in Schrecken versetzt. Jeder Bischof, ja, jeder Abt musste vor Amtsantritt, musste eine Erklärung über die Zusammenarbeit mit dem KGB unterschreiben. Die russische Kirche konnte sich durch die Buße derer reinigen, die Abmachung mit den Sicherheitsdiensten getroffen haben. Es gibt schon Beispiele dafür. Wenn in Bulgarien die Archive zugänglich gemacht worden sind, hat der bulgarische Patriarch kniend das Volk um Verzeihung gebeten und sein hohes Amt behalten. Ich habe die Daten, die den damaligen Patriarchen Alexius II angingen, nicht veröffentlicht, obwohl mir klar war, dass der V-Mann des KGB mit dem Agenturspitznamen „Drozdow“ kein anderer als der Patriarch war. Dennoch hat ein kleiner Beamter diese Daten publik gemacht. Dann habe ich einen offenen Brief an Alexius II geschrieben, und habe ihn in einer sehr taktvollen und respektvollen Form aufgefordert, sich bei der Kirche, bei dem Volk zu entschuldigen, wenn die veröffentlichte Information wahr sei. Das Volk könnte ihm verzeihen und im Amt belassen. Wenn die Informationen falsch währen, sollte er die Verleumder bei Gericht anklagen. Es wurde weder das eine noch das andere gemacht. Im nächsten Jahr habe ich eine schreckliche Nachricht bekommen. Ich bin von Moskauer Patriarchat exkommuniziert.   Pussy Riot haben das Richtige vorgesungen. In einer sehr milden Form haben sie gebetet: „Muttergottes vertreibe Putin!“ Im Vergleich zu dem was bei den Kundgebungen proklamiert wird: „Die dritte Amtszeit – im Knast“ - ist es schon mild. Die jungen Frauen haben das Herz des Systems getroffen. Was den heutigen Patriarchen angeht – er ist ein talentierter Prediger. Wenn er die Kirche verteidigen und die notwendige Reformen durchführen würde, wäre er der zweite heilige Patriarch Germogen, der im siebzehnten Jahrhundert das Land gerettet hat. Ich glaube, keiner würde ihn mit Polonium vergiften, es ist nicht mehr die Stalinzeit. Stalin würde jeden, der den schrecklichen Begrüßungsbrief nicht unterzeichnen würde, zu Staub zermahlen.  Patriarch Kirill ist eine talentierte Person, warum macht er das nicht? Formell gesehen wurde ich exkommuniziert, weil ich gleichzeitig Priester und Abgeordnete war. Groß war meine Überraschung, als ich las, dass Priester ab jetzt nicht nur ins Parlament, sondern auch in der Regierung tätig sein dürfen. Für wen wurden die Regeln geändert? Möglicherweise, als der Patriarch sah, dass Putins Positionen jeden Tag schwächer werden, bereitet er sich selbst auf eine Präsidentschaft vor?



I.R.:       Welche Möglichkeiten sehen Sie für eine Wiedererstehung russischer Kirche, für eine christliche Wiederbelebung des Landes?

Gleb Jakunin:   Unsere Kirche entartet sich zur Ritengläubigkeit. Man redet schon über einen „christlich-orthodoxen Taliban“. Anstelle notwendiger Reformen aufgrund der Entscheidungen des Konzils russischer Kirche von 1918 befestigt die Kirchenführung ihre senkrecht gerichtete Macht, beraubt die Gemeinden letzter Überreste ihrer Selbstverwaltung. Nicht die Gemeindeversammlung hat was zu sagen, auch nicht der Priester, sondern der von oben  ernannte Bischof. Früher oder später wird sich auch hierzulande Demokratie durchringen, alle religiöse Organisationen, auch die alternativ-orthodoxen werden gleichberechtigt. Dann finden gemäß dem Kirchenrecht auch in der Kirche freie und Wahlen statt. Gerechte Wahlen ins Parlament, gerechte Wahlen bei der Kirche! Priester und Bischöfe werden gewählt, dann wird das Problem schnell gelöst. Der Geist der Sobornost, der alten Prinzipien der östlichen Orthodoxie, mit denen alle Entscheidungen gemeinsam getroffen werden müssen, wird in der Kirche triumphieren. Reformen sind unvermeidlich.

28 Nov 2012
Die Gefangenen in Berezniki: „Seit Alechina gebracht wurde bekommen wir leckeren Borshtsh und Püree.“

 

Wie Korrespondenten der Komsomolskaja Pravda ein Päckchen ins Lager übergeben haben

Berezniki nahm uns mit schneidendem Wind und einem schrecklichen Schneesturm in Empfang. Das Straflager, das in ganz Russland bekannt geworden ist, nachdem dort Maria Alechina, Mitglied der Band Pussy Riot, ankam, präsentierte sich unfreundlich.

Wir hatten natürlich auch keinen warmen Empfang erwartet – Journalisten sind hier in letzter Zeit nicht gern gesehen, obwohl es früher sogar Führungen für Vertreter der Presse gab. So teilte der örtliche Föderale Dienst für die Strafvollstreckung, der uns ein Interview mit Maria verweigerte, mit: „Die erhöhte Aufmerksamkeit der Presse am Straflager 28 stört es bei der Umsetzung seiner nach dem Gesetz vorgesehenen Funktionen und Aufgaben. Ihrer Anfrage kann nicht stattgegeben werden.“

Dennoch sind wir gefahren – um ein Päckchen zu übergeben, oder um „das Lager zu wärmen“ wie es im Gefängnisslang heißt.

„Sie werden Unannehmlichkeiten haben“

Das Lager 28 befindet sich gleich am Ende der Stadt. Eine lange Betonmauer, von der die weiße Farbe abblättert, darauf Stacheldraht, eine Art Nato-Draht, Wachtürme. Vor der Schranke am Kontrollpunkt stehen etwa 15 Menschen, es stellt sich heraus, dass gleich Gefangene entlassen werden sollen.

„Mama, Mamachen“ stürmte ein etwa fünfjähriges Mädchen einer Frau entgegen.

„Wohin?“ schrie eine Mitarbeiterin des Kontrollpostens, die sich Sentimentaltität abgewöhnt hat; übrigens arbeiten hier auch Gefangene, die ihre Strafe in einem offenen Lager verbüßen.

„Zurück, Du darfst nicht aufs Lagergebiet!“

„Wir sind aus Tartastan gekommen um unsere Schwester abzuholen“, sagte eine Frau, die im Schnee hin- und hertrippelte. „Sie ist ganz jung, hat zwei Jahre abgesessen – sie war in eine Schlägerei unter Frauen verwickelt.“

Wir warteten eine Stunde, dann bekamen wir die Erlaubnis, Maria ein kleines Päckchen zu übergeben.

„Wer sind Sie? Verwandte?“ befragte uns die Wache,als sie unsere Pässe zur Überprüfung einsammelte.

„Wir wollen ihr einfach Essen übergeben.“

„Also gut, fahren Sie ins Geschäft und dann warten Sie wieder hier. Aber versuchen Sie nicht einmal, etwas Verbotenes reinzulegen, keine schnell verderblichen Lebensmittel, keine Blechdoesen, keine scharfen Gegenstände.“

Auf dem Rückweg zum Auto kam uns ein Major hinterher.

„Jetzt sagen Sie schon, in welchem Verhältnis Sie zu Alechina stehen?“ und versucht auf den Rücksitz des Autos zu schauen. „Denken Sie daran, dass das eine Einrichtung mit Sicherheitsstufe ist. Wenn Sie anfangen zu fotografieren oder filmen, werden Sie Unannehmlichkeiten bekommen.“ (Anscheinend eigenen wie uns nicht als Verschwörer, er hat geahnt, dass wir Journalisten sind). „Ich wiederhole es noch Mal, es wird sehr große Unannehmlichkeiten geben.“

Maria Alechina ist Vegetarierin, deswegen haben wir hauptsächlich Süßigkeiten für sie gekauft: Orangen, eingemachte Pfirsiche, Pralinen, Zucker, Tee, gezuckerte Kondensmilch…

Am Vortag hatten Alechinas Verteidiger erzählt, dass sie gerne herzhaftes ist, zum Beispiel eingelegten Knoblauch. Eine solche Delikatesse haben wir in dem Laden in Berezniki nicht gefunden, deswegen mussten wir uns mit Cornichons im Glas zufrieden geben.

Nachdem wir mit unserem großen Paket am Kontrollposten angekommen sind, erhalten wir den Befehl, hier zu warten – bei durchdringendem Wind und ohne Schutz vor dem andauernden Schneefall.

„Warum kann ich nicht in den Wartesaal gehen? Und warum warten die ganzen Abholer seit acht Stunden auf der Straße? (Die Verwandten waren zur Entlassung der Gefangenen um 6:00 Uhr gekommen, allmählich rausgelassen wurden sie erst nach 12:00).

"Oh, Liebe, leg Dich nicht mit Ihnen an. Sonst lassen sie die Unseren vielleicht nicht gehen“, bat mich eine ältere Frau, die wegen ihrer Schwester gekommen war. „Das Taxi wartet schon seit Stunden auf mich, ich werde eine unglaubliche Summe zahlen müssen.“

In dem Moment kommt eine Aufseherin zu mir und sieht das Paket durch.

„Wo ist die Aufstellung des Inhaltes? Warum haben sie die Lebensmittel nicht aufgelistet? Nehmen Sie das Blatt, schreiben Sie, an wen und von wem und machen Sie eine Aufstellung.“ Mit diesen Worten kippte sie die Lebensmittel in den Schnee und fing an zu diktieren: „Tee in Beuteln, 200 Gramm, Orangen – wo steht das Gewicht der Orangen? Warum wissen Sie das nicht?“

Letztlich kam dabei nichts zu Schaden, die Inspektorin nahm das Paket und ging.

„Für Schlägereien geht es sofort in Isolationshaft“

„Hurra! Endlich ist es vorbei, lass uns eine Zigarette auf die Freiheit rauchen,“ freuen sich zwei junge Frauen mit riesigen Tüten in der Hand; und als sie uns sehen: „Seid Ihr hier die Korrespondenten? Die haben uns verdammt eine ganze Belehrung wegen Euch gehalten, dass wir es nicht wagen sollen, mit Euch zu reden. Die Wache hat schon den Lagerchef angerufen, damit Ihr verjagt werdet. Warum seid Ihr denn da? Wegen der Pussy? Die sitzt und wenn sie sich normal benimmt, passiert ihr auch nichts. Hier darf man sich nicht schlagen, dafür gibt es direkt Einzelhaft. Hier sind nur Weiber, alle wollen so schnell wie möglich heim, zu den Kindern. Da wird sich keine mit ihr anlegen. Keine hat vor sie auf den Kieker zu nehmen und zu schlagen.“

„Und selbst habt Ihr wofür eingesessen?“

„Wer bist Du, ein Ermittler, dass wir Dir unseren Paragraphen nennen? Was sie uns gegeben haben, haben wir abgesessen – vier Jahre. Hier sitzt jede für was anderes, hauptsächlich wegen Drogen, alltägliche Verbrechen. Und nicht nur Ersttäterinnen, wie es im Radio heißt. Einige sind schon zum dritten, vierten Mal im Knast.“

Sie schläft wenig und liest viel

Vor dem Lager lernen wir noch eine ehemalige Gefangene kennen.

„Ich war nur fünf Monate drinnen, aber das reicht mir für den Rest meines Lebens“, weint die Frau, die bittet, ihren Namen nicht zu nennen. „Hier findet die Besserung durch Arbeitstherapie statt. Die Regeln sind sehr streng. Als Alechina ankam, wollten wir sie alle sehen – wir haben ja über sie im Radio gehört. Im Prinzip kann ich nicht sagen, dass man ihr gegenüber feindlich eingestellt war. Viele halten eine Freiheitsstrafe für ihre Handlungen ein zu hartes Urteil, zumal sie ein kleines Kind hat. Dafür haben aber viele gemerkt: Sobald Alechina hier eingetroffen ist, wurde die Verpflegung besser. Wir haben uns auch früher nicht beklagt, aber jetzt gibt es fast jeden Tag leckeren Borshtsh und Püree.“

„Wissen Sie, warum Maria in eine Einzelzelle verlegt wurde?“

„In der allgemeinen Abteilung war sie nur drei Tage. Sie war in der elften (insgesamt gibt es hier 16 Abteilungen). Nicht die schlechteste, aber auch nicht die beste, ausgelegt für 70 Leute. Mit ihrer Ankunft hat die Verwaltung strengere Regeln eingeführt, keine Vergünstigungen. Sie haben verboten zu kochen und eine Aufsicht hingesetzt – und wem gefällt es, wenn im Raum die ganze Zeit ein Aufseher ist? Da ist man auf Masha zugegangen: ‚Auf, erklär einen Hungerstreik. Und denk an die gefütterten Tücher.‘ (Alechina hatte die Menschenrechtler gebeten, dass alle Gefangenen warme Kleidung / mit Daunen gefütterte Tücher bekommen – die Red.). Soweit ich weiss, hat sie sich geweigert einen Hungerstreik zu erklären, und dafür wurde sie bedroht. ‚Halt aus, Mädel, das wird kein Zuckerschlecken.‘ Die Verwaltung hat von den Drohungen erfahren und Alechina eine Einzelzelle im Strafisolator angeboten. Sie hat zugestimmt, aber die Bedingungen dort sind natürlich furchtbar, ausgelegt für Leute, die bestraft werden. Die Liege zum Schlafen wird nur nachts runtergelassen. Ich habe gehört, dass Masha wenig schläft, nicht in den Speisesaal geht, die ganze Zeit liest. Sie sollte in der Bibliothek arbeiten. Dort ist der Politunterreicht zur Zeit so langweilig, und sie ist gebildet – ich denke, über van Gogh hätte sie interessanter erzählen können.

Alechina wurde von ihrer Mutter besucht

Am Montag wurde Maria ein kurzer Besuch erlaubt; aus Moskau waren ihre Mutter und eine Freundin angekommen. Und gestern hatten ihre Unterstützer von der Kunstgruppe Woina versucht sie zu sehen. Erfolglos.

„Masha stehen jeden Tag Viedeoanrufe bis zu 15 Minuten zu, aber die sind schon für die nächsten drei Monate ausgebucht“, erzählte uns Petr Verzilov,  Woina-Aktivist und Ehemann des zweiten Mitgliedes von Pussy Riot. „Wir sind zu zehnt gekommen und wollen klären, warum Maria nicht aus der Einzelhaft in ihre Abteilung verlegt wird. Darauf besteht sie. Selbstverständlich setzten wir uns weiter für ihre Freilassung auf Bewährung ein. Masha hat noch eineinhalb Jahre vor sich. Wenn es Bewährung gibt – bis März 2013.

„Wie geht es Maria? Was will sie machen?“

„Es geht ihr gut, aber sie darf nur wenig an die frische Luft. Es gibt natürlich große Probleme mit der Ernährung. Wir waren schockiert, dass wir ihr keine Gemüsereibe übergeben durften, damit sie Sachen zubereiten kann, einen nichtrostenden Löffel und Milch haben sie nicht angenommen. Es ist bereits entschieden, dass Masha das Nähen lernen wird; aber vielleicht kann sie einen künstlerischen Kreis leiten, es gibt eine Theater-, eine Literatur- und eine Bibliotheksgruppe.“

„Wird noch entschieden, ob die Vollstreckung der Freiheitsstrafe ausgesetzt wird, bis Mashas Kind 14 Jahre alt ist?“

„Ja, im Dezember gibt es direkt in Berezniki eine Gerichtsverhandlung darüber. Masha hat den fünfjährigen Sohn Philipp, er wohnt jetzt bei der Oma.“

 

 

http://www.kp.ru/daily/25991/2921673

 

12 Sep 2012
Putins Exempel - Peter Franck, Amnesty International, in der taz
PUSSY RIOT Die Verteidiger des russischen Urteils irren sich. Die Punkband wäre in Deutschland niemals in Haft gelandet

Die drei Musikerinnen der Punkband Pussy Riot werden in einem russischen Straflager verschwinden. So hat es Mitte August ein Moskauer Gericht beschlossen - ein Urteil, dem inzwischen auch einige Kommentatoren im Westen ein gewisses Verständnis entgegenbringen. Der Rechtswissenschaftler Klaus Volk denunzierte die Welle internationaler Solidarität in der Süddeutschen Zeitung als "Empörung 2.0"; die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung schrieb, die "Aktionskünstler mit ihren vulgären Provokationen" erinnerten "an die erste RAF-Generation".

12 Sep 2012
Singen. Tanzen.Schreien. Die österreichische Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek verteidigt Pussy Riot

Ich habe lange überlegt, wie ich mich mit den Pussy Riot solidarisch erklären könnte. Ich habe sogar einen kleinen Text geschrieben, den ich in meine Homepage stellen wollte, ein Foto von mir selbst dazu, mit verklebtem Mund oder einer Papiertüte über dem Kopf. Ich habe das nicht getan, einerseits, weil mir Aktionismus überhaupt nicht (mehr) liegt, andrerseits weil mir bewußt ist, daß ich alles dürfte, um diese Frauen zu unterstützen, die das nicht dürfen sollen, was sie, als ihr ureigenstes Recht, getan haben: öffentlich aufzutreten, in einer Kirche (o Gott! Und auch du, gute Heilige Jungfrau! Wir kennen uns schon so lang, schon aus der Klosterschule, sag ehrlich:  Fühlst du dich jetzt geschändet?

15 Jul 2012
Anti-Flag und Berliner Bands spielen Benefizkonzert für Pussy Riot

Berlin (dapd-bln). Die US-Band Anti-Flag spielt ein Benefizkonzert für die wegen ihrer Protestaktion gegen Präsident Wladimir Putin in Russland inhaftierten Punkrockerinnen Pussy Riot. Zusammen mit Anti-Flag stehen am 31. Juli im Berliner Cassiopeia die deutschen Bands Radio Havanna und Smile & Burn auf der Bühne, wie die Agentur Uncle M in Münster mitteilte. Alle Einnahmen der auf 200 Besucher limitierten Show kommen der feministischen Gruppe, die sich auch mit dem Song "Virgin Mary, Redeem Us Of Putin" unbeliebt gemacht hatte, zu Gute.

15 Jul 2012
Free Pussy Riot

Pussy Riot war mal eine Punk-Gruppe, die mit feministischen Slogans – oder wie sie selber sagen „mit der feministischen Peitsche“ – Moskau aufmischte. Drei der Aktivistinnen stehen in Moskau vor Gericht. Gegen sie wird wegen Verstoßes gegen den Paragraph 213 des Strafgesetzbuches ermittelt – „schweres Rowdytum“.

 
18 May 2012
„Feministische Peitsche für Russland!“

Die feministische Punk-Band „Pussy Riot“ über Wladimir Putin und Männerhass
Mit Aussagen wie „Töte den Sexisten“ sorgt die feministische Punk-Band „Pussy Riot“ in Russland schon seit Monaten für Aufruhr. Ihre Namen sind unbekannt, sie tragen immer Balaklawas, den ganzen Kopf umhüllende Strickmützen, um anonym zu bleiben.
 
http://mokant.at/politik/1205-interview-pussy-riot.html

08 May 2012
Moskau gegen die "Pussy Riots"

Die MoMa-Reporter

Erst der Protest, jetzt Gefängnis

Wie Moskau die Pussy Riots bekämpft
Sie flehten Gott an, Russland von Wladimir Putin zu erlösen: Jetzt müssen die drei Frauen der Band "Pussy Riot" für ihre Protestaktion am 21.02. im Heiligtum einer russisch-orthodoxen Kirche büßen.
Die russische Justiz will ein Exempel statuieren und geht extrem hart gegen die feministische Punkband vor. Angetrieben von Politik und radikalen Christen sollen die jungen Mütter wegen Rowdytums bis zu sieben Jahre weggesperrt werden.

MoMa-Reporter Olaf Bock berichtete.

26 Apr 2012
Solidaritätskundgebungen für Pussy Riot

MÜNCHEN. (hpd) Samstag war „Global Pussy Riot Action Day“. Auch in München versammelten sich Aktivistinnen und Aktivisten, um ihre Solidarität mit den drei inhaftierten russischen Musikerinnen öffentlich kundzutun. Pussy Riot ist eine anonyme Punk-Band, bestehend aus circa 30 Feministinnen, die für ihre Auftritte den öffentlichen Raum nutzen.
Im Januar erklang auf dem Roten Platz „Putin hat Schiss“. Am 21. Februar führten sie einen Bittgottesdienst mit dem Refrain „Mutter Gottes, Jungfrau, werde Feministin, vertreibe Putin“ in der russisch-orthodoxen Christi-Erlöser-Kirche in Moskau durch.

19 Apr 2012
"Aufstand in Russland, Putin macht sich in die Hose"

Die Mitglieder der Moskauer Punkband „Pussy Riot“ sitzen seit Monaten in Untersuchungshaft. Den Frauen drohen bis zu sieben Jahre Haft – weil sie auf kreative Weise gegen Putin demonstriert haben.
Vor dem Gebäude des Taganski-Gerichts in Moskau herrscht Chaos. Ein Mann nimmt einen Feuerlöscher heraus und beginnt, mit Schaum um sich zu spritzen.
In die Luft fliegen Rauchdosen und rohe Eier. Die Polizei greift ein und bald verlässt der erste Bus mit den Festgenommenen den Hof. Doch es sind nicht nur Provokateure, die da ins Visier der Polizei geraten sind.
Unter den 20 Russen in Gewahrsam sind vor allem junge Menschen, die sich zu einer friedlichen Aktion verabredet hatten. Darunter sind auch Frauen, deren Vergehen es war, "Freiheit für Pussy Riot" mit Kreide auf den Asphalt zu schreiben.