Die Gefangenen in Berezniki: „Seit Alechina gebracht wurde bekommen wir leckeren Borshtsh und Püree.“
Wie Korrespondenten der Komsomolskaja Pravda ein Päckchen ins Lager übergeben haben
Berezniki nahm uns mit schneidendem Wind und einem schrecklichen Schneesturm in Empfang. Das Straflager, das in ganz Russland bekannt geworden ist, nachdem dort Maria Alechina, Mitglied der Band Pussy Riot, ankam, präsentierte sich unfreundlich.
Wir hatten natürlich auch keinen warmen Empfang erwartet – Journalisten sind hier in letzter Zeit nicht gern gesehen, obwohl es früher sogar Führungen für Vertreter der Presse gab. So teilte der örtliche Föderale Dienst für die Strafvollstreckung, der uns ein Interview mit Maria verweigerte, mit: „Die erhöhte Aufmerksamkeit der Presse am Straflager 28 stört es bei der Umsetzung seiner nach dem Gesetz vorgesehenen Funktionen und Aufgaben. Ihrer Anfrage kann nicht stattgegeben werden.“
Dennoch sind wir gefahren – um ein Päckchen zu übergeben, oder um „das Lager zu wärmen“ wie es im Gefängnisslang heißt.
„Sie werden Unannehmlichkeiten haben“
Das Lager 28 befindet sich gleich am Ende der Stadt. Eine lange Betonmauer, von der die weiße Farbe abblättert, darauf Stacheldraht, eine Art Nato-Draht, Wachtürme. Vor der Schranke am Kontrollpunkt stehen etwa 15 Menschen, es stellt sich heraus, dass gleich Gefangene entlassen werden sollen.
„Mama, Mamachen“ stürmte ein etwa fünfjähriges Mädchen einer Frau entgegen.
„Wohin?“ schrie eine Mitarbeiterin des Kontrollpostens, die sich Sentimentaltität abgewöhnt hat; übrigens arbeiten hier auch Gefangene, die ihre Strafe in einem offenen Lager verbüßen.
„Zurück, Du darfst nicht aufs Lagergebiet!“
„Wir sind aus Tartastan gekommen um unsere Schwester abzuholen“, sagte eine Frau, die im Schnee hin- und hertrippelte. „Sie ist ganz jung, hat zwei Jahre abgesessen – sie war in eine Schlägerei unter Frauen verwickelt.“
Wir warteten eine Stunde, dann bekamen wir die Erlaubnis, Maria ein kleines Päckchen zu übergeben.
„Wer sind Sie? Verwandte?“ befragte uns die Wache,als sie unsere Pässe zur Überprüfung einsammelte.
„Wir wollen ihr einfach Essen übergeben.“
„Also gut, fahren Sie ins Geschäft und dann warten Sie wieder hier. Aber versuchen Sie nicht einmal, etwas Verbotenes reinzulegen, keine schnell verderblichen Lebensmittel, keine Blechdoesen, keine scharfen Gegenstände.“
Auf dem Rückweg zum Auto kam uns ein Major hinterher.
„Jetzt sagen Sie schon, in welchem Verhältnis Sie zu Alechina stehen?“ und versucht auf den Rücksitz des Autos zu schauen. „Denken Sie daran, dass das eine Einrichtung mit Sicherheitsstufe ist. Wenn Sie anfangen zu fotografieren oder filmen, werden Sie Unannehmlichkeiten bekommen.“ (Anscheinend eigenen wie uns nicht als Verschwörer, er hat geahnt, dass wir Journalisten sind). „Ich wiederhole es noch Mal, es wird sehr große Unannehmlichkeiten geben.“
Maria Alechina ist Vegetarierin, deswegen haben wir hauptsächlich Süßigkeiten für sie gekauft: Orangen, eingemachte Pfirsiche, Pralinen, Zucker, Tee, gezuckerte Kondensmilch…
Am Vortag hatten Alechinas Verteidiger erzählt, dass sie gerne herzhaftes ist, zum Beispiel eingelegten Knoblauch. Eine solche Delikatesse haben wir in dem Laden in Berezniki nicht gefunden, deswegen mussten wir uns mit Cornichons im Glas zufrieden geben.
Nachdem wir mit unserem großen Paket am Kontrollposten angekommen sind, erhalten wir den Befehl, hier zu warten – bei durchdringendem Wind und ohne Schutz vor dem andauernden Schneefall.
„Warum kann ich nicht in den Wartesaal gehen? Und warum warten die ganzen Abholer seit acht Stunden auf der Straße? (Die Verwandten waren zur Entlassung der Gefangenen um 6:00 Uhr gekommen, allmählich rausgelassen wurden sie erst nach 12:00).
"Oh, Liebe, leg Dich nicht mit Ihnen an. Sonst lassen sie die Unseren vielleicht nicht gehen“, bat mich eine ältere Frau, die wegen ihrer Schwester gekommen war. „Das Taxi wartet schon seit Stunden auf mich, ich werde eine unglaubliche Summe zahlen müssen.“
In dem Moment kommt eine Aufseherin zu mir und sieht das Paket durch.
„Wo ist die Aufstellung des Inhaltes? Warum haben sie die Lebensmittel nicht aufgelistet? Nehmen Sie das Blatt, schreiben Sie, an wen und von wem und machen Sie eine Aufstellung.“ Mit diesen Worten kippte sie die Lebensmittel in den Schnee und fing an zu diktieren: „Tee in Beuteln, 200 Gramm, Orangen – wo steht das Gewicht der Orangen? Warum wissen Sie das nicht?“
Letztlich kam dabei nichts zu Schaden, die Inspektorin nahm das Paket und ging.
„Für Schlägereien geht es sofort in Isolationshaft“
„Hurra! Endlich ist es vorbei, lass uns eine Zigarette auf die Freiheit rauchen,“ freuen sich zwei junge Frauen mit riesigen Tüten in der Hand; und als sie uns sehen: „Seid Ihr hier die Korrespondenten? Die haben uns verdammt eine ganze Belehrung wegen Euch gehalten, dass wir es nicht wagen sollen, mit Euch zu reden. Die Wache hat schon den Lagerchef angerufen, damit Ihr verjagt werdet. Warum seid Ihr denn da? Wegen der Pussy? Die sitzt und wenn sie sich normal benimmt, passiert ihr auch nichts. Hier darf man sich nicht schlagen, dafür gibt es direkt Einzelhaft. Hier sind nur Weiber, alle wollen so schnell wie möglich heim, zu den Kindern. Da wird sich keine mit ihr anlegen. Keine hat vor sie auf den Kieker zu nehmen und zu schlagen.“
„Und selbst habt Ihr wofür eingesessen?“
„Wer bist Du, ein Ermittler, dass wir Dir unseren Paragraphen nennen? Was sie uns gegeben haben, haben wir abgesessen – vier Jahre. Hier sitzt jede für was anderes, hauptsächlich wegen Drogen, alltägliche Verbrechen. Und nicht nur Ersttäterinnen, wie es im Radio heißt. Einige sind schon zum dritten, vierten Mal im Knast.“
Sie schläft wenig und liest viel
Vor dem Lager lernen wir noch eine ehemalige Gefangene kennen.
„Ich war nur fünf Monate drinnen, aber das reicht mir für den Rest meines Lebens“, weint die Frau, die bittet, ihren Namen nicht zu nennen. „Hier findet die Besserung durch Arbeitstherapie statt. Die Regeln sind sehr streng. Als Alechina ankam, wollten wir sie alle sehen – wir haben ja über sie im Radio gehört. Im Prinzip kann ich nicht sagen, dass man ihr gegenüber feindlich eingestellt war. Viele halten eine Freiheitsstrafe für ihre Handlungen ein zu hartes Urteil, zumal sie ein kleines Kind hat. Dafür haben aber viele gemerkt: Sobald Alechina hier eingetroffen ist, wurde die Verpflegung besser. Wir haben uns auch früher nicht beklagt, aber jetzt gibt es fast jeden Tag leckeren Borshtsh und Püree.“
„Wissen Sie, warum Maria in eine Einzelzelle verlegt wurde?“
„In der allgemeinen Abteilung war sie nur drei Tage. Sie war in der elften (insgesamt gibt es hier 16 Abteilungen). Nicht die schlechteste, aber auch nicht die beste, ausgelegt für 70 Leute. Mit ihrer Ankunft hat die Verwaltung strengere Regeln eingeführt, keine Vergünstigungen. Sie haben verboten zu kochen und eine Aufsicht hingesetzt – und wem gefällt es, wenn im Raum die ganze Zeit ein Aufseher ist? Da ist man auf Masha zugegangen: ‚Auf, erklär einen Hungerstreik. Und denk an die gefütterten Tücher.‘ (Alechina hatte die Menschenrechtler gebeten, dass alle Gefangenen warme Kleidung / mit Daunen gefütterte Tücher bekommen – die Red.). Soweit ich weiss, hat sie sich geweigert einen Hungerstreik zu erklären, und dafür wurde sie bedroht. ‚Halt aus, Mädel, das wird kein Zuckerschlecken.‘ Die Verwaltung hat von den Drohungen erfahren und Alechina eine Einzelzelle im Strafisolator angeboten. Sie hat zugestimmt, aber die Bedingungen dort sind natürlich furchtbar, ausgelegt für Leute, die bestraft werden. Die Liege zum Schlafen wird nur nachts runtergelassen. Ich habe gehört, dass Masha wenig schläft, nicht in den Speisesaal geht, die ganze Zeit liest. Sie sollte in der Bibliothek arbeiten. Dort ist der Politunterreicht zur Zeit so langweilig, und sie ist gebildet – ich denke, über van Gogh hätte sie interessanter erzählen können.
Alechina wurde von ihrer Mutter besucht
Am Montag wurde Maria ein kurzer Besuch erlaubt; aus Moskau waren ihre Mutter und eine Freundin angekommen. Und gestern hatten ihre Unterstützer von der Kunstgruppe Woina versucht sie zu sehen. Erfolglos.
„Masha stehen jeden Tag Viedeoanrufe bis zu 15 Minuten zu, aber die sind schon für die nächsten drei Monate ausgebucht“, erzählte uns Petr Verzilov, Woina-Aktivist und Ehemann des zweiten Mitgliedes von Pussy Riot. „Wir sind zu zehnt gekommen und wollen klären, warum Maria nicht aus der Einzelhaft in ihre Abteilung verlegt wird. Darauf besteht sie. Selbstverständlich setzten wir uns weiter für ihre Freilassung auf Bewährung ein. Masha hat noch eineinhalb Jahre vor sich. Wenn es Bewährung gibt – bis März 2013.
„Wie geht es Maria? Was will sie machen?“
„Es geht ihr gut, aber sie darf nur wenig an die frische Luft. Es gibt natürlich große Probleme mit der Ernährung. Wir waren schockiert, dass wir ihr keine Gemüsereibe übergeben durften, damit sie Sachen zubereiten kann, einen nichtrostenden Löffel und Milch haben sie nicht angenommen. Es ist bereits entschieden, dass Masha das Nähen lernen wird; aber vielleicht kann sie einen künstlerischen Kreis leiten, es gibt eine Theater-, eine Literatur- und eine Bibliotheksgruppe.“
„Wird noch entschieden, ob die Vollstreckung der Freiheitsstrafe ausgesetzt wird, bis Mashas Kind 14 Jahre alt ist?“
„Ja, im Dezember gibt es direkt in Berezniki eine Gerichtsverhandlung darüber. Masha hat den fünfjährigen Sohn Philipp, er wohnt jetzt bei der Oma.“
http://www.kp.ru/daily/25991/2921673