Diesen Brief haben Mashas Freunde von ihrem Anwalt N. Polozov erhalten. Er wurde geschrieben, als sie keine Möglichkeit hatte, Briefe zu übergeben. Jetzt wurde sie in eine stärker belegte Zelle verlegt.

12. März 2012
Der zweite Tag im Untersuchungsgefängnis.
Ich und meine einzige Zellengenossin Nina schlafen angezogen auf Eisenbetten. Sie im Pelzmantel, ich im normalen Mantel.
In der Zelle ist es so kalt, dass wir rote Nasen haben, eisige Beine – ins Bett unter die Decke dürfen wir erst nach dem Zapfenstreich.
Die Fenster sind schon vor uns mit Binden und Brotkrumen abgeklebt worden, nachts ist der Himmel von den Laternen orange.
Ich habe schriftlich erklärt, dass ich den Hungerstreik aufgebe, jetzt trinke ich drei Mal am Tag warmes, gefärbtes Wasser (Tee) mit Brotkrusten.
Die eisernen Nachttische sind furchteinflößend, als könne man sich an ihren Kanten tödliche Kopfverletzungen zuziehen.
Nina wiederholt die ganze Zeit „Schlimmer wird’s nicht“. Sie ist 55. Sie haben sie wegen Raubes festgenommen. Ein betrunkener Ermittler hat ihr ohne Beschlagnahmeprotokoll all ihre Sachen weggenommen und sie gezwungen, das Protokoll ihre Aussage zu unterschreiben ohne dass sie es überhaupt lesen durfte.
Jetzt ist sie eine Räuberin in einer Maske mit Augenschlitzen.
Sie ist auch Pussy Riot.
Nina hat erzählt, dass vor mir hier Vika war.
Sie wurde schwanger und in Handschellen bei der Polizei vergewaltigt, erst einen Tag später brachte man sie zu einer ärztlichen Untersuchung. Der Arzt hat weder die Fehlgeburt noch die Vergewaltigung festgestellt. Vika wird des Raubes zum Nachteil einer unbekannten Person beschuldigt, so steht es im Protokoll. Sie ist auch eine Räuberin in Maske.
Ja und auch Pussy Riot.
Ich kann immer noch nicht schlafen. Heute hat man mir für eine schlecht glattgestrichene Bettdecke mit Karzer gedroht. Im Untersuchungsgefängnis weiß man genauso wenig wie in Europa, was ein Bettbezug ist. Aber dafür weiß jeder Bedienstete, dass Du ein Verbrecher und nicht umsonst hier bist.
Nina sagt die ganze Zeit: Schlimmer wird’s nicht.
Wir unterhalten uns über Orwell, Kafka und den Staatsaufbau. Wir verfluchen die Rechtlosigkeit, aber ungeachtet der Hoffnung machenden Zitate von Foucault, die ich anbringe, glaubt Nina nicht an Veränderungen. Sie sagt: „Auch wenn das alles ist, ich verlasse das Land nicht.“
Während der Arzt im Untersuchungsgefängnis mir stolz erzählt, dass er bei den Protestkundgebungen auf dem Bolotnaja-Platz war, glaubt die Frau in Uniform, die meine Fingerabdrücke nimmt, an die Revolution, auch wenn sie ihre friedliche Form sinnlos findet. Solange es die gibt, die über mich schreiben, helfen und sich über Veränderungen freuen, verlasse ich das Land nicht.
Heute ist der erste Tag, an dem ich normal gehen kann.
Beim Hofgang in dem kleinen Quadrat aus Betonmauern und mit rostigem Gitter als Dach bin ich 20 Minuten gelaufen.
Im Untersuchungsgefängnis Nr. 6 ist die Übergabe jeglicher Bücher verboten, es gibt nur eine Ausnahme: Die Bibel. Heute früh hat meine Mutter sie abgegeben, bislang wurde sie noch nicht gebracht.
Schlimmer wird es wahrscheinlich wirklich