Jetzt und immer bin ich davon überzeugt, dass der Glaube, egal wie er ist, etwas sehr persönliches und nicht politisch ist. Etwas kindliches, inneres, das Kraft gibt. Kein Instrument der Manipulation, keine Waffe, sondern ganz im Gegenteil etwas, das die Waffen besiegt.
Es ist recht schwierig, sich der direkten Frage ausgesetzt zu sehen „Glaubst Du denn an Gott? Jetzt sag schon, glaubst Du an das Gottesgericht?“; weil ich selbst nie diese Frage stellen würde. Die Verwurzelung in der christlichen Kultur und das Bewusstsein davon ist der vorrangige Grund, solche Fragen nicht zu stellen. Aber im Gefängnis reicht das nicht, hier antwortet niemand auf Gegenfragen über Gott. Deswegen habe ich mich entschieden, diesen offenen Brief an die Gläubigen zu schreiben. Es ist ein wenig absurd – zum Teil schreibe ich damit auch an mich selbst.
Ganz bald kommt der Ostersonntag – ein Fest, an dem die Freude über die unerklärliche Einheit zwischen den Menschen heller in der Luft liegt und die Schwächen eines einzelnen mehr werden. Davor, jetzt in der Karwoche, sage ich, dass ich mit einem Gefühl des inneren und äußeren Friedens feiern will. Und wenn jemand durch meine Taten oder Worte beleidigt wurde, dann möge er verzeihen. Ich wollte und will die religiösen Gefühle von niemandem verletzen.
Die Gegenwart ähnelt einem Pendel zwischen den Worten „Unsinn“ und „Ausschreitung“. Die Zeit zieht sich zwischen der Unterstützung durch Briefe und den Treffen mit den Anwälten. In der Zwischenzeit – Hoffnung und erneutes Lesen der untertützenden Worte, die von mir unbekannten Leuten geschrieben wurden, die mich jetzt nicht allein gelassen und die Hand zur Hilfe ausgestreckt haben. Nur dank ihnen und ihnen dankend kann ich jetzt mit dem Zutat des Apostels Paulus sagen : „Der Herr ist mein Helfer, ich will mich nicht fürchten; was kann mir ein Mensch tun?“
Weil genau der Mensch und sein seltsames Gesetz jetzt aus mir eine Verbrecherin macht. Ich weigere mich, daran zu glauben, genauso wie ich mich weigere daran zu glauben, dass ein Christ nicht verzeihen kann. Bis zum Ende und gänzlich.
Quelle:
http://echo.msk.ru/blog/alekhina/878289-echo/
